
Wenn der Verstand zum Monster wird
Wir alle haben ihn. Bei manchen ist er etwas aktiver, bei anderen etwas stiller.
Besonders laut wird unser Verstand oft dann, wenn wir unter Stress stehen oder emotional nicht ganz in Balance sind.
Dann beginnt er zu analysieren, zu bewerten, zu planen – und manchmal auch, sich stundenlang im Kreis zu drehen.
Dabei ist unser Verstand ein wunderbares Werkzeug.
Die Betonung liegt auf dem Wort Werkzeug.
Mit ihm können wir lernen, planen, Probleme lösen und unglaublich viel erschaffen.
Doch manchmal wird genau dieses wunderbare Werkzeug zu unserem größten Hindernis.
Wenn der Verstand Probleme erschafft
Unser Verstand hat eine interessante Eigenschaft:
Er kann Probleme erzeugen, wo in diesem Moment vielleicht noch gar keine sind – und fühlt sich anschließend unglaublich wichtig dabei, diese Probleme wieder lösen zu müssen.
Wir überlegen, was schiefgehen könnte. Was andere über uns denken. Was morgen passieren wird.
Und dann versuchen wir, all diese gedanklich erschaffenen Szenarien wieder zu lösen.
Natürlich ist Denken hilfreich.
Problematisch wird es dort, wo aus Denken Grübeln wird.
Beim Denken kommen wir irgendwann zu einer Entscheidung oder Lösung.
Beim Grübeln drehen wir uns häufig um dieselben Gedanken, ohne wirklich weiterzukommen.
Drei Aufgaben unseres Verstandes
Für mich gibt es ein hilfreiches Denkmodell, um unseren Verstand besser zu verstehen.
1. Aufzeichnen
Unser Verstand funktioniert ein wenig wie ein Recorder.
Er speichert Erfahrungen, Erlebnisse und Bewertungen. Auf vieles können wir bewusst zurückgreifen, anderes beeinflusst uns, ohne dass wir es unmittelbar bemerken.
Aus diesen Erfahrungen versucht unser Verstand abzuleiten, was als Nächstes passieren könnte.
2. Überleben sichern
Unser Verstand möchte uns schützen.
Bin ich sicher? Gehöre ich dazu? Was denken andere über mich?
Früher konnte der Ausschluss aus einer Gruppe tatsächlich lebensgefährlich sein.
Auch heute können soziale Ablehnung, Unsicherheit oder Veränderungen deshalb starke Reaktionen auslösen.
Unser Verstand beginnt zu analysieren, zu kontrollieren und mögliche Gefahren vorauszusehen.
Er meint es gut – auch wenn er uns dabei manchmal ganz schön unter Druck setzt.
3. Recht haben
Und dann möchte unser Verstand noch etwas besonders gerne:
Recht haben.
Manchmal verteidigen wir unsere Meinung, als hinge unser Leben davon ab.
Dabei geht es vielleicht nur um eine völlig nebensächliche Frage.
Wenn wir diesen Mechanismus erkennen, können wir kurz innehalten:
Muss ich gerade wirklich recht haben – oder versucht mein Verstand einfach, Sicherheit herzustellen?
Du bist nicht deine Gedanken
Allein diese Zusammenhänge zu verstehen, kann bereits etwas verändern.
Wir bekommen Abstand und erkennen:
Nicht jeder Gedanke ist wahr. Nicht jeder Gedanke ist wichtig. Und nicht jeder Gedanke braucht eine Antwort.
Unser Verstand darf Gedanken produzieren. Das ist seine Aufgabe.
Wir müssen allerdings nicht jedem Gedanken hinterherlaufen.
Denn du hast Gedanken. Aber du bist nicht deine Gedanken.
Vom Kopf zurück in den Körper
Wie schaffen wir es nun, wieder etwas Abstand zu unseren Gedanken zu bekommen?
Durch noch mehr Nachdenken?
Wahrscheinlich nicht immer.
Für mich führt ein hilfreicher Weg deshalb vom Kopf zurück in den Körper.
Unser Verstand arbeitet mit Gedanken, Bewertungen und Geschichten.
Unser Körper dagegen lässt uns spüren, wie es uns gerade geht.
Manchmal wissen wir rational ganz genau, dass keine unmittelbare Gefahr besteht. Trotzdem reagieren wir mit Anspannung, Unruhe oder innerem Alarm.
Deshalb hilft es nicht immer, sich Sicherheit nur einzureden.
Manchmal müssen wir sie auch wieder spüren.
Was passiert jetzt gerade wirklich?
Eine meiner liebsten Fragen lautet:
Was passiert jetzt gerade wirklich?
Nicht morgen. Nicht nächste Woche.
Jetzt.
Schau dich bewusst um.
Was siehst du? Was hörst du? Was spürst du in deinem Körper?
Wie fühlt sich der Boden unter deinen Füßen an?
Vielleicht hilft dir eine warme Tasse in den Händen oder eine Hand auf deinem Bauch.
Solche kleinen Momente können uns helfen, wieder im Hier und Jetzt anzukommen.
Denn häufig entsteht Überforderung dadurch, dass wir versuchen, viele zukünftige Momente gleichzeitig zu bewältigen.
Dabei können wir immer nur diesen einen Moment leben.
Mit dem jetzigen Moment werden wir immer fertig.
Gib deinem Verstand eine Minion-Stimme
Und wenn dein Verstand trotzdem weiterplappert, habe ich noch eine kleine Übung für dich.
Stell dir vor, deine Gedanken sprechen mit der Stimme eines Minions.
Plötzlich klingt dein innerer Kritiker so:
„Du hast noch soooo viel zu tun!“
„Was könnte dein Chef denken?“
„Du bist nicht gut genug!“
Merkst du, was passiert?
Es entsteht Abstand. Vielleicht sogar ein kleines Schmunzeln.
Der Gedanke verliert einen Teil seiner Schwere.
Und plötzlich erkennst du:
Ah, da wird gerade wieder gedacht.
Mehr ist es in diesem Moment vielleicht gar nicht.
Impuls
Wenn du das nächste Mal bemerkst, dass sich dein Verstand im Kreis dreht, versuche nicht sofort, jeden Gedanken zu lösen.
Halte einen Moment inne.
Spüre deinen Körper.
Nimm wahr, was tatsächlich gerade geschieht.
Und frage dich:
Braucht dieser Gedanke wirklich meine Aufmerksamkeit – oder darf ich ihn einfach weiterziehen lassen?
Unser Verstand hat schon unglaublich viel Gutes für uns getan.
Er soll seinen Platz behalten.
Nur eben als Werkzeug.
Merksatz:
Der Verstand darf mitreden. Aber er muss nicht führen.